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Andy Shauf live review

Andy Shauf live Winterthurer Musikfestwochen

Andy Shauf @ Wintherthurer Musikfestwochen 2017

 

Last weekend I took the train to Winterthur about 90 minutes NE of Bern, to pay a visit to the city’s annual Musikfestwochen. The name “Musikfestwochen” sounds like an earnest classical affair, but don’t worry: this neat and predominantly free festival started in the seventies as an alternative music event and proudly celebrated its 42nd edition this year with 12 days of music and a nice selection of local and international acts. Thankfully the rainfall stopped in time and the sun came out again when I found myself in the historic center of Winterthur on Saturday to watch the Canadian singer-/songwriter Andy Shauf. He released the most impressive concept album last year based on a party, filled up with sophisticated string arrangements and mesmerizing melodies. Furthermore I was curious to hear, how this intimate, soul-feeding gentle pop works out on a Swiss festival stage.

Of course, you figured out by now that the Winterthurer Musikfestwochen is not a common festival. Apart from some notorious hipsters the audience is pretty mixed, more like a social event for all ages. And the whole setting is nice and comfortable, with many stalls to get your beer from the local “Chopfab” brewery or traditional Swiss food. All this works well for Andy Shauf. When he enters the stage, long haired and coupled with a trucker cap, he looks like the young J Mascic of Dinosaur Jr. But this first impression on Andy Shauf from Regina, Saskatchewan is leading to the wrong path: instead of furious feedbacks he prefers tone over volume and creates an emotionally resonant and captivating performance from the first minute to the end. His narrative style is accompanied by a full band which includes not only one, but two clarinet players and they capture the studio sound of the record surprisingly well: all the subtleties and melodic lines sound perfect and the audience pays decent attention, although most of them probably had never heard of Andy Shauf before and want to see the other acts of the following evening.

While the sun sets down, the Irish songwriter Glen Hansard puts on a solid one man show for the lovers of more roots inflicted singer-/songwriting tunes. Thereafter it’s time for another renowned artist from Canada: Feist is closing the night with a glamorous show, performing songs from her latest album Pleasure. I’m surprised how relaxed she keeps chopping her guitar and how she enjoys talking to the audience in-between songs. But when I head back home, it’s the empathetic sound world of Andy Shauf that keeps spinning in my head.

Anyhow, it looks like I’ll be getting on the train again in August 2018, when another round of music and celebration hits the lovely town center of Winterthur.

Make-Up in der Betonwüste

Primavera Sound Festival 2017

Das Primavera Sound Festival 2017

Ich hatte es geahnt, und deshalb war es längst überfällig gewesen, endlich einmal auf das Primavera zu reisen. Denn all das, was ich nicht mehr sehen möchte, sucht man hier vergeblich: Etwa Bierleichen, die sich bereits zu früher Nachmittagsstunde embryonal im Schlamm wälzen, oder auch ergänzend kuratierte Hippie-Events. Nein, all das gibt es nicht auf dem Primavera, und das ist erst einmal sehr angenehm. Stattdessen haben wir direkten Zugang zum Mittelmeer-Strand, Palmen, ein großzügiges (wenn auch weitenteils zubetoniertes) Gelände, auf dem die Zigtausenden in lockerem Abstand zueinander schlendern. Und ein Programm, das neue und alte Helden, sehr kleine und ziemlich große Nummern zwanglos vereint. Der offene Charakter des Festivals macht es möglich, Helden des Autoren-Technos inmitten einer Indie-Crowd zu entdecken, daneben ein intellektuelles Ehepaar um die 60. Alles bestens, und doch wollen wir ein paar Worte über Rahmen- und Produktionsbedingungen verlieren.

Da wäre zunächst einmal der überwältigend frequentierte Weißwein-Stand, ein untrügliches Signal für den Strukturwandel: Der urbane Freigeist stellt sich eben lieber für einen Schoppen an, anstatt die dünne Brühe des Festivalsponsors zu kippen. Ein Zeichen guten Geschmacks. Vielleicht sogar ein bisschen penetrant? Kommen wir damit zur Fressmeile: Sie wirkt wie die mobile Version eines aufgehübschten Straßenzugs – und das in Barcelona, einer Stadt, die schwer unter der Gentrifizierung ächzt. Organisches Essen wird aus anspruchsvoll designten Campinganhängern verkauft. Verdammt, sind wir in einer Jamie Oliver-Kochshow gelandet? Auf einmal nervt es, dass Kate Tempest gleich nebenan auf der „Adidas-Stage“ spielt, wo sie doch in ihren Songs über Kinderarbeit in der Turnschuhproduktion lamentiert. Ok, ganz ruhig. Das sind die kleinen Lügen einer im Großen und Ganzen schwer anständigen Angelegenheit. Und damit zu einigen Musik-Highlights, vier unter 200 möglichen.

Kate Tempest

Adidas-Bühne hin oder her, der Auftritt von Kate Tempest war extrem gut, was auch daran lag, dass das Primavera-Publikum nicht einfach nur unterhalten werden möchte, sondern konzentriert zuhören kann. Die Londoner Wortkünstlerin kam wie immer in Straßenklamotten, unfrisiert und ohne Make-Up auf die Bühne. Und sie legte ein absolut ergreifendes Set hin, bei dem sich ihre Tracks mit Spoken-Word-Einlagen stetig abwechselten. So kam der Dancefloor zwischendurch zur Ruhe, nicht aber die Stimme von Kate Tempest, die sich über eine Welt am Abgrund in Rage rappte.

The Make-Up

Phänotypisch am anderen Ende der Skala: The Make-Up, die stilbildende Mod-Core-Legende aus Washington D.C., ehemals im Mao-Style, inzwischen kollektiv in glitzernde Elvis-Anzüge drapiert. Das Quartett präsentierte seinen Gospel Yeh-Yeh hysterisch wie eh und je, dabei frisch wie der junge Morgen – was daran liegen könnte, dass sich die Band extra für das Primavera reformiert haben soll. Das Publikum bekam keine historische Aufführungspraxis serviert, sondern ehrlich empfundenen, grundsympathischen Wahnsinn. Sänger Ian Svenonius verschwand schon nach wenigen Takten im Publikum und wäre noch vor Ende des ersten Songs fast an seinem Mikrofon erstickt. Beste Ansage: „Most rock bands think about bringing themselves to orgasm. Not The Make-Up!” -Yeh!

Sleaford Mods

Ein Gegenstück zu Kate Tempest ganz anderer Art: die notorischen Nörgler Sleaford Mods, ebenfalls anklagende Texte in unversöhnlichem Vortrag. Doch als sie zu zweit mit Laptop und einem Mikro auf die riesige „Ray-Ban-Stage“ traten, wirkten sie etwas verloren, umso mehr, als sie der Sound im Stich ließ. Irgendwann dann aber doch die hinlänglich bekannte, geballte Wut, umhüllt von reduzierten Beats. Aber offen gestanden: Verglichen mit Großmeisterin Tempest wirkte der prollige Jason Williamson doch etwas eindimensional.

Teenage Fanclub

Herrlich unprätentiös zeigten sich am Samstagabend Teenage Fanclub. Die good old boys aus Glasgow lieferten einen schlichten und doch euphorischen Auftritt ab; das selige Publikum sang lauthals mit und zeigte sich bisweilen sogar textsicherer als der legendär zerstreute Sänger Norman Blake. Im Fanblock eine riesige schottische Flagge – wäre ja ein Grund, sich abermals zu echauffieren. Aber nein, lassen wir das. Aufregung passt einfach nicht zum Primavera, dem hübschesten aller Festivals auf massivem Grund.

P.S.: Avant-R’n’B Meister Frank Ocean hatte seine Teilnahme als Headliner kurzfristig abgesagt. Seine Präsenz auf dem Festival fiel daher anders aus, als geplant: in Form von Protest-Shirts mit der Aufschrift: „Fuck Ocean!“

Dieser Text erschien ebenfalls im Blog von ByteFM